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Alba zog ihre Sicherheitsweste an. Die war zu eng und ließ ihre Brust verschwinden. Sie hetzte zwischen Sattelkammer und Box ihres Pferdes hin und her, suchte Reithelm, Martingal, Mückenspray und Ohrendeckchen. Als nächstes brauchte Alba den Sattel. Geputzt hatte sie Bonnie schon; die anderen Reiter würden trotzdem noch Staub im Fell erspähen.

Eine Frau trat in die Sattelkammer, das dunkle Haar im Nacken so zusammengebunden, dass ein Reithelm darüber passte. Nicht, dass sie je einen trug.


 

Die Frau ging zu einem Stuhl und tauschte ihre Turnschuhe gegen Stiefeletten aus. Dazu stellte sie den Fuß auf die Sitzfläche. Ohne einen Stuhl konnte Alba den Sattel nicht alleine herunterholen. Doch im Stall gab es nur diesen einen, auf dem sich Carola die Schuhe band. Also versuchte Alba es ohne. Der Sattel kam ihr entgegen und warf sie zu Boden. Sie wollte aufspringen, doch Carola war schon da und fand sie verkrümmt im Staub liegen. „Sag doch, wenn du Hilfe brauchst.“ Sie nahm den Sattel und trug ihn zu Albas Pferd. Alba lachte nervös. Sie rappelte sich auf und klopfte sich den Staub von der Hose. Sie fummelte in einem Schrank herum. Dann schlurfte sie zu Bonnie.

Carola verschnürte die Stute. „So, Martingal machst du selbst rein.“ Sie trat aus der Box. „Deine Gamaschen sind falsch rum.“ Sie sah Alba an. Die konzentrierte sich auf den Verschluss ihres Reithelms. „Los jetzt, die anderen sind schon fertig.“ Carola ging hinaus. Alba legte das Martingal um den Hals ihres Pferdes und fädelte die Zügel ein. So konnte Bonnie ihren Kopf nicht beliebig weit in die Höhe reißen.


 

Auf dem Außenplatz trabten die anderen Reiterinnen. Alba führte ihre Stute an die Mittellinie. Carola kam auf sie zu. Sie zog die Steigbügel herunter und stellte sich hinter Alba. Sie griff ihr linkes Bein. Auf eins, zwei, drei half sie dem Mädchen in den Sattel. „Nachgegurtet?“


 

„Franzi muss einen ausgeben“, rief eine der Reiterinnen. „Der Cosmo hat Stroh im Schweif“. Die anderen amüsierten sich, Franzi rechtfertigte sich gespielt. Alba sah, dass ihr Pferd auch ein paar Strohhalme im Schweif hängen hatte. Aber bei ihr sprach das nie jemand an. Generell sprach selten jemand mit ihr. Bestimmt, dachte Alba, weil sie ein paar Jahre jünger war.


 

Carola stellte sich in die Mitte des Platzes. In der Hand hielt sie die lange Longierpeitsche. Die Reitstunde begann. Zuerst sollten die Schüler über Stangen traben. Obwohl die nur auf dem Boden lagen, stolperte Bonnie mehrmals. „Nicht mich anschauen – die Stangen anschauen!“, rief Carola. Nach ein paar Runden baute sie einen Parcours aus fünf Hindernissen auf.


 

Immer wenn die Reiterinnen einzeln dran waren, wurde es ganz still. Besonders bei Alba. Alba wechselte die Gerte nach links und sah zu ihrer Reitlehrerin. „Richtig! Damit sie dir nicht ausweicht.“ Bonnie war zu langsam. Alba unterschätzte die Abstände zwischen den Hindernissen. Deshalb stimmte der Rhythmus nicht und sie hoppelten unbeholfen über die Sprünge. Bonnie riss sogar eine Stange, das passierte sonst nie. „Vorwärts mit der Bonnie, die schläft ja gleich ein! Und bieg die mal ein bisschen, die geht ja durch die Kurven, als hätte sie einen Besen verschluckt.“ Alle Reiterinnen kamen drei Mal an die Reihe. Die Hindernisse wurden mit jeder Runde höher. Dann legte Carola ihre Jacke über einen der Sprünge. Kein Pferd mochte das. Doch sie mussten sich auf das Turnier vorbereiten. Da würde jedes Hindernis fremd und gefährlich aussehen.


 

Der Sprung war nicht hoch, aber Bonnie schreckte schon aus einiger Entfernung zurück. Sie verweigerte das Hindernis zweimal. Das tat sie so abrupt, dass Alba große Mühe hatte, sich im Sattel zu halten. „Bein hin! Reiten!“, schrie Carola. Die Kräfte des Mädchens schwanden, ihre Oberschenkel zitterten. Trotzdem steuerte sie ihr Pferd ein drittes Mal auf den Sprung mit der Jacke zu. Diesmal nährte sich Carola von hinten mit der Longierpeitsche und ließ sie knallen. Bonnie bretterte los, die Galoppsprünge wurden so schnell, dass Alba kaum sitzen konnte. Vor dem Hindernis änderte die Stute erneut die Richtung. Diesmal konnte Alba sich nicht halten. Sie rutschte über die Schulter ab und schlug mit dem Kopf gegen die oberste Stange des Hindernisses. Alle Stangen donnerten zu Boden.


 

„Nichts passiert“, lallte Alba, hörte ihre Stimme aber merkwürdig gedämpft. Verschwommen kam Carola auf sie zu und kniete sich neben sie. Sie rief irgendetwas in Franzis Richtung. Die war schon abgestiegen und hatte Bonnie eingefangen.

„Hast du dir wehgetan?“, fragte Carola und musterte das Mädchen. „Kopf 'n bisschen“, sagte sie und kniff die Augen zusammen. „Kannst du alles bewegen?“, fragte die Reitlehrerin sanft und legte ihre Hand auf Albas Schulter. Die nickte und sah weg. Sie presste die Lippen aufeinander. „Komm, du machst jetzt mal 'ne Pause“, sagte Carola, griff Alba am Arm und zog sie hoch. „Das war wohl ein bisschen zu viel verlangt“, murmelte sie, legte Albas Arm um sich und fasste sie an der Hüfte. Alba klammerte sich an sie. Die Reitlehrerin führte ihre Schülerin an den Rand.


 

Alba sah benommen zu, wie Carola sich auf Bonnies Rücken schwang und angaloppierte. Bonnies Nüstern waren riesig und das Weiß in ihren Augen sichtbar. Sie war immer außer sich, wenn sie ihren Reiter verlor. Normalerweise tat sie das nicht absichtlich und war dann selbst überrascht.

Alba hörte die Gerte knallen und die silbernen Sporen blitzten in der Sonne. Stute und Reitlehrerin kämpften einige Sekunden, dann fügte sich Bonnie. Sie glotzte den Jacken-Sprung immer noch an und riss die Beine beim Überwinden viel höher als nötig. Doch sie kamen sicher hinüber. Der Ungehorsam war korrigiert.


 

Alba wusste, dass sie noch mal aufs Pferd musste. So war das beim Reiten. Nele hatte damals auch nochmals drauf gemusst, obwohl sie sich das Schlüsselbein gebrochen hatte. Man muss gleich wieder aufsteigen. Sonst bekommt man Angst. „Geht wieder, oder? War nur der Schock“, rief Carola und winkte Alba zu sich.

Carola half dem Mädchen auf den Pferderücken. Dann legte sie die Hand auf Albas Knie und flüsterte: „Du musst einfach ein bisschen ekliger reiten. Zeig der Bonnie, wer der Chef ist. Du willst über diesen Sprung. Und wenn sie nicht reagiert, dann scheuer ihr mal eine! Lass die wissen, dass da jemand oben sitzt.“ Alba nickte, obwohl sie nicht wusste, ob sie wirklich so dringend über den Sprung wollte. Da griff Carola ihre Hand – Alba hielt die Luft an. Carola führte Albas Hand so, dass das Gertenende auf Bonnies Rücken tippte. „Einfach mal hinhauen. Das tut der auch nicht weh, die hat da Speck.“


 

„Und jetzt los, einmal zum Schluss noch den Sprung mit der Jacke.“ Alba drückte die Waden in Bonnies Bauch. Die knirschte mit den Zähnen, schritt aber los. „Angaloppieren, rechte Hand.“ Alba gab die Hilfe zum Galopp. Bonnie trabte weiter. „Wenn sie nicht sofort reagiert – hau sie!“ Alba tippte Bonnie mit der Gerte an. Bonnie schlug mit dem Schweif. „Die denkt, das wäre eine Fliege. Fester!“ Alba tippte ihr Pferd erneut an, nun trabte es schneller. „Jetzt hau doch einmal richtig drauf!“

Da verfinsterte Alba ihr Gesicht und schlug mit Kraft auf Bonnies Flanke. Die Stute sprang in den Galopp. „Sehr gut! Gleich noch mal!“, rief Carola. Alba schlug erneut und Bonnie galoppierte schneller. „Und so reitest du sie an den Sprung“, rief Carola.

Sie hoben ab. Viel zu früh, und Albas Nase prallte gegen den Pferdehals. Aber sie überwanden die Hürde. „So belassen wir das für heute … Gut gemacht, Alba.“


 

Nach dem Trockenreiten kam Carola zu Alba. „So wie die letzte Runde, so machen wir das im Turnier“. Bonnie fing an ihren Kopf an der Reitlehrerin zu reiben. „Unser Ziel ist ja nichtmal eine Platzierung. Zeit ist egal, Fehler sind egal - wir wollen, dass ihr durchkommt. Und das kriegen wir auch hin.“ Alba lächelte auf Bonnies Mähnenkamm. „Man darf bei Pferden einfach kein Weichei sein“, sagte Carola, schubste Bonnies Kopf von sich weg und klopfte ihr den Hals. „Man muss sich durchsetzen. Sonst wird's verdammt gefährlich.“


 

Am Stall verräumte Alba Bonnies Ausrüstung und fütterte sie. In der Sattelkammer knallte ein Sektkorken. Das Mädchen blieb bei den Pferden. Einmal im Winter hatte Franzi ihr einen Becher Punsch gegeben, mit Alkohol natürlich. Den hatte Alba vor Aufregung runtergestürzt. Später hatte sie die Reiterinnen darüber reden gehört.

Alba stand abseits, den Rücken zu den Reitern in der Sattelkammer. Sie streichelte eines der Großpferde und murmelte vor sich hin. Gedämpft hörte sie die Stimmen der Reiterinnen: „Nele ist gestern wieder nur im Gelände rumgegurkt. Und zweimal die Woche Bodenarbeit? Ich sag’s euch, der ihr Wallach baut komplett ab.“ Unangenehm war es für Alba, wenn die Stimmen so leise wurden, dass sie nichts mehr verstand. Da bekam sie das Gefühl, dass sie das Thema war.

Bis sie abgeholt wurde, streichelte Alba das Pferd ihrer Reitlehrerin. Einen riesigen Fuchs mit dunklen Augen, der sich gerne den Kopf kraulen ließ. Anders als Bonnie, die Zärtlichkeiten nur in kleinen Dosen zuließ. Alba hatte Carola noch nie mit ihrem Pferd schmusen sehen. Wenige Minuten später hörte Alba den Wagen ihrer Mutter auf den Hof fahren.


 

In dieser Nacht träumte sie von Carola – und von Sporen.


 

Zur nächsten Reitstunde war Alba überpünktlich. Sie war die Einzige auf dem Reitplatz und erklomm den Rücken ihres Pferdes. Das konnte sie schon lange allein, aber Carola hatte nie aufgehört, ihr dabei zu helfen.

Carola erschien kurz darauf und lief zu ihr. Sie bückte sich, schnallte ihre Sporen ab und montierte sie an Albas Fersen. „Wir probieren das mal“, sagte Carola. Sie platzierte die Fersen so, dass die Sporen den Pferdebauch fast berührten. Die anderen Reiterinnen kamen auf den Platz. Schnell ließ Carola Albas Bein los und trat zurück.

„So wie letzte Woche“, sagte sie und nickte dem Mädchen zu.


 

Die Reitstunde begann wieder mit Stangen am Boden. Die ersten zwei Runden versuchte Alba, ihr Pferd nicht aus Versehen mit den Sporen zu stechen. Deshalb konzentrierte sie sich nicht auf die Aufgabe. Bonnie schlurfte über die Stangen, ihre Hufe knallten gegen jede einzelne. Zwei Runden ging das so, da griff Carola ein. „Mehr, mehr, Bein, Bein, Bein!“, schrie sie. „Wozu hast du denn die Sporen?“ Alba schreckte hoch. Schnell drückte sie die Sporen in Bonnies Bauch. Dann benutzte sie ihre Gerte. „Sehr gut!“, rief Carola. Die Stute hob die Beine und schwebte über die Stangen. „Sehr gut, Alba” erstaunt klopfte Alba ihrer Stute den Hals.

Carola fing an, mit großen Schritten eine Distanz zwischen zwei Sprüngen zu messen. Sie rief: „In den Ecken kannst du sie gut mal mit den Sporen piksen, da sehen die Turnierrichter das nicht so.”


 

Langsam traute sich Alba. Sie ritt ihre Stute einige Bahnfiguren und war verblüfft, wie gut sie reagierte. Bonnie lief viel schneller als sonst. Sie knirschte mit den Zähnen und hatte die Ohren angelegt, aber sie tat, was sie sollte. Und sie hörte auf zu verweigern. Vor jedem Sprung presste Alba die Lippen zusammen, schlug die Beine an den Pferdebauch und pikste mit den Sporen. Die Gerte nahm sie auch dazu. Sie kamen über alle Sprünge, auch über den Oxer mit der Jacke. Sogar Franzi sagte: „Du sitzt ganz anders drauf als sonst.“ Carola zählte die Galoppsprünge mit. Der Rhythmus stimmte. „Eins, zwei, drei … ideal.“ Alba wurde für jeden Gertenhieb gelobt. Sie richtete sich im Sattel auf.


 

Doch gegen Ende der Reitstunde erschrak Bonnie vor einer Pferdedecke, die über einem Sprung hing. Franzi hatte sie dort abgelegt. Bonnie wollte nicht vorbeilaufen. Nun wusste Alba Bescheid. Sie schlug die Gerte auf Bonnies Kruppe. Bonnie sprang zur Seite und knirschte mit den Zähnen. Noch ein Hieb. Und noch mal. Ein viertes Mal. Das Sausen der Gerte war das einzige Geräusch auf dem Platz. „Reicht“, schrie Carola vom anderen Ende des Platzes. Bonnie trabte an der Decke vorbei, sie schnaubte. Ansonsten war es ganz still. Alba sah zu Carola. Die blickte überrascht zurück.


 

Selten, nur wenn Albas Mutter keine Zeit hatte, fuhr Carola das Mädchen nach Hause. Oft schwiegen sie während der Fahrt und Alba starrte aus dem Fenster. Ohne etwas zu sehen. Doch an diesem Tag erzählte sie viel. Von der Schule und von der mündlichen Englischprüfung, in der sie die Beste gewesen war. Als Carola nach dem Thema fragte, druckste Alba herum. Sie hatte von ihrer Leidenschaft, dem Reiten erzählt. Carolas Mundwinkel zuckten und Alba wusste nicht, wie sie das deuten sollte.

Sie kamen auf das Thema Turnier und unterhielten sich über temperamentvolle Pferde. Carola erzählte von Reithilfen, die eigentlich unsichtbar sein sollten. Man solle das Antreiben nicht zwei Kilometer weit hören können. Reiten solle schön aussehen. „Aber wir wollen erst mal durchkommen. Das ist das Wichtigste“, sagte Carola abschließend.


 

Durch die gemeinsamen Autofahrten verschmierten die Grenzen zwischen Stall und Privatleben. Zumindest für Alba. Das geschah auch, wenn Carola und ihr Mann zum Abendessen kamen. Albas Mutter war mit ihnen befreundet. Meistens verzog sich Alba dann in ihr Zimmer und konnte vor Aufregung nichts tun. Carola war in ihrem Haus! Zur Verabschiedung wurde sie von Carola umarmt. Am Reitstall passierte das nie.


 

Der Tag des Turniers war gekommen. Alba strich über den Bauch ihres Pferdes. Das Fell war unterhalb des Sattels ganz dünn geworden. Von den Sporen. Sie zog die Gamaschen an die Pferdebeine. Links hinten war das schwierig. Seit einer Verletzung im letzten Jahr war das Bein immer geschwollen. Damit die Richter das nicht sehen konnten, hatte Carola besonders lange Gamaschen besorgt.

Bonnies dunkelbraunes Fell glänzte unverschämt. Mit der eingeflochtenen Mähne erkannte Alba sie kaum wieder.


 

Bluse, Turnierjacket, weiße Reithose und schwarze Lederstiefel. Die Hose schlabberte an Albas Beinen. Sie hatte sie zusammen mit ihrer Mutter gekauft, gebraucht. Gerade wollte Alba noch ihre Turnierhandschuhe anziehen, da sah sie die von Carola im Schrank liegen. Sie blickte sich mehrmals um. Sie griff nach ihnen und hielt sie lange in Händen. Schließlich schlüpfte sie in die Handschuhe. Angezogen betrachtete sie sich im Spiegel, drehte sich und trat umher.

Da klapperte ein Pferd in den Stall. Alba riss sich die Handschuhe von den Fingern und legte sie zurück. Sie zog ihre eigenen an.

Die hereinkommende Reiterin bewegte sich schnell. Sie schnaufte und eine Wutfalte zeichnete sich auf ihrer Stirn. Alba sah die silberne Schleife am Kopf des Pferdes – zweiter Platz.


 

Carola trat in den Stall, sie war selbst in Turnierkleidung. Alba konnte kaum hinsehen. Carolas Reithose passte ihr wie eine zweite Haut. Die Reitlehrerin eilte auf sie zu, eine kurze Gerte in der Hand. „Du musst eine Springgerte nehmen. Deine Dressurgerte ist zu lang, da werden wir disqualifiziert.“ „Okay ...“, Albas Gedanken ratterten. Die Springgerte war viel zu kurz, um sie im Ernstfall einzusetzen.


 

Bevor sie im Turnier starteten, liefen die Reiter den Parcours zu Fuß ab. Ein paar Starter kannte Alba vom Sehen. Carola war nicht da. Alba sah sich alle Hindernisse genau an. Bunt geschmückt mit Unterbau und Blumen, eines gruseliger als das Nächste. „Durchkommen“, flüsterte sie sich selber zu.

Reiter und Reitlehrer maßen die Abstände der Hindernisse mit Schritten. Sie suchten nach den kürzesten Wegen. Alba zählte ihre Schritte auch, wusste aber mit der Zahl nichts anzufangen. Zumindest die Reihenfolge der Hindernisse brannte sie sich ins Gedächtnis. Danach ging sie zurück zum Stall.

Noch lag sie gut in der Zeit. Sie kaute wild auf ihrem fast geschmacklosen Kaugummi herum und zog Bonnies Gamaschen fester.


 

Auf dem Abreiteplatz sah Alba kein einziges vertrautes Gesicht. Der Himmel war hellgrau bewölkt, es schmerzte, hinauf zu schauen. Und es war laut. Pferde wieherten, Geländewägen mit Anhänger rumpelten zu den Parkplätzen. Der Abreiteplatz war voll mit Pferden, die Alba aus allen Richtungen entgegenkamen. Die Luft schmeckte nach Staub. Stimmen vermischten sich, Reitlehrer schrien ihre Schüler an: „Das ist Außengalopp!“ Und „So brauchst du gar nicht erst reinreiten!“


 

Carola war nicht da. Alba ritt viele Runden im Schritt. Ihre Augen suchten unentwegt nach ihr. Sie hatten nichts besprochen, aber Alba hatte nicht damit gerechnet, sich völlig alleine aufwärmen zu müssen. Sie beobachtete die anderen Reiter.


 

Alba begann zu traben. Bonnie legte ihre Ohren an. Sie drohte entgegenkommenden Pferden. Nach einem schlug sie sogar aus. Alba versuchte „schön“ zu reiten, mit unsichtbaren Hilfen, so wie Carola es gesagt hatte. „Es funktioniert nicht“, ratterte es in ihrem Kopf. Sie schwitzte unter ihrem Jacket.

Einmal kniff Alba ihre Stute ein bisschen zu stark mit den Sporen. Die sprang wie blind nach vorne, dass alle ihnen ausweichen mussten. Danach trabte Alba sie etliche Runden am Rand entlang und murmelte vor sich hin. Carola kam nicht.

Andere Starter ritten die Übungssprünge in der Mitte des Platzes an. Alba sah zu und versuchte es auch. Der erste Sprung klappte gut, beim Zweiten verweigerte ihr Pferd. Wo war Carola?


 

Aus der Menschenmenge am Rand trat Franzi heraus und ging auf Alba zu. Sie hatte sie schon eine Weile beobachtet. Sie sah zu Alba hoch und sagte: „Ich glaub, ich hab dich noch nie wirklich reiten gesehen.“ Sie fasste das Pferd am Zügel und zurrte den Sperrriemen an Bonnies Maul zwei Löcher enger. Sie knotete auch eines der Turnierzöpfchen in Bonnies Mähne neu zu. Dann stellte sie sich neben die Probesprünge und sagte: „Jetzt noch mal. Setzt dich durch!“


 

Franzi stand neben den Hindernissen, mitten im Getümmel. Andere beschwerten sich, aber sie winkte ab. Albas Gesichtszüge waren verhärtet. Sie fasste die Zügel kürzer, richtete sich im Sattel auf, nutze Gerte und Sporen – und überwand die beiden Sprünge problemlos. Doch Albas Zähne waren verbissen.

Bonnies Kopfnummer wurde aufgerufen. Mit rotem Kopf machte sich Alba auf den Weg an den Start.

Alba ritt auf den Platz. Der vorherige Starter trabte an ihr vorbei zum Ausgang. Auf den Rängen wurde es still. Wind kam auf und zerriss die Wolkendecke. Der Platzsprecher verkündete Albas Namen. Alba grüßte, die Startglocke klingelte und sie jagten los. Albas Kopf war leer. Und ihr Pferd lief wie von selbst.


 

Die ersten Hürden nahmen sie mit Bravour. Nur wenige Male machte die Stute Anstalten, vorbeizurennen. Doch dann kam der Sprung, der Alba schon beim Ablaufen des Parcours aufgefallen war. In Regenbogenfarben gestreift mit Unterbau. Bonnie täuschte nicht einmal an. Als sie den Sprung sah, rammte sie die Beine in den Boden und blieb stehen, mindestens 15 Meter davor. Die Glocke klingelte. Alba wurde aus ihrer Trance gerissen. Hitze schoss ihr ins Gesicht. Sie presste die Waden an ihr Pferd, wendete ab und steuerte den Sprung erneut an. Reiten, reiten, reiten. Gerte, Sporen, Durchsetzen! Diesmal kamen sie näher, zehn Meter, fünf Meter … Bonnie wendete ihren Körper Zentimeter vor dem Sprung nach rechts und schoss vorbei. Ein Raunen ging durch das Publikum. Einige Sekunden lang rannte das Pferd unkontrolliert über den Platz. Alba zerrte an den Zügeln und parierte es zum Schritt durch. Die Glocke erklang abermals.


 

Das Mädchen ritt einen großen Bogen. Nun kam der letzte Versuch, bei drei Mal Ungehorsam würden sie ausscheiden. Alba atmete tief.

Sie nahm die Zügel in eine Hand, lehnte sich zurück und schlug die Gerte so fest auf Bonnies Rücken wie sie nur konnte. Dabei schrie sie auf. Das Publikum sog die Luft ein. Alba wechselte die Gerte in die andere Hand und schlug erneut. Die Stute sprang seitwärts, den Kopf nach oben gestreckt, das Maul geöffnet. Noch mal und noch mal die Gerte. Dann bohrte Alba die Sporen in den Bauch des Tieres. Bonnie machte einen Satz nach vorne und sie preschten auf den Sprung zu. In ihrem Kopf hörte sie Carolas Stimme: „Sitzen, sitzen, sitzen. Tief einsitzen. Bein zu.” Drüber.


 

An die drei letzten Sprünge konnte sich Alba nicht erinnern. Auch den Applaus hörte sie nicht. Sie sah zum Publikum. Carola stand ganz hinten, kaum sichtbar und abgewandt. Sie unterhielt sich mit einer Reiterin und lachte.


 

Alba ritt aus der Arena. Im Durchgang stand Franzi. „Komm mal kurz her“. Alba atmete auf und trieb die schnaufende Stute zu ihr. „Dein Martingal ist viel zu locker, da brauchst du unbedingt ein Neues. Und nächstes Mal nimmst du den Kaugummi raus, das ist total gefährlich.“

Alba zitterte noch immer. Sie sah Franzi mit leerem Blick nach.


 

Alba blieb im Durchgang stehen und sah zur Zuschauertribüne. Sie blockierte den Weg und wurde mehrere Male darauf angesprochen. „Ich bin gleich weg“, sagte sie dann und ignorierte ihr zappelndes Pferd. Carola kam nicht.


 

Der letzte Starter war durch, der Platz leerte sich. Dumpfes, gelbliches Licht erfüllte das Gelände. Alba glitt vom Pferderücken und sah ihre Stute lange an. Es begann zu nieseln. Alba fuhr mit der Hand über die Striemen auf Bonnies Rücken. Sie traten deutlich hervor. Alba umarmte Bonnie lange. Das Pferd hielt ganz still.


 

Es dämmerte bereits, als Albas Mutter auf den Hof fuhr. Als Alba heraustrat, kam ihr Carola entgegen. Sie telefonierte. Carola nahm den Hörer nicht vom Ohr. Sie zuckte mit den Mundwinkeln, als sie Alba passierte. Alba zog an ihr vorbei, den Blick abgewandt. Ihr Gesicht war tränennass und gerötet. Sie sprang zu ihrer Mutter ins Auto. Carola blieb stehen und ließ den Hörer sinken. Sie sah zu, wie das Auto vom Hof fuhr.